Sardinien, die Insel der Hundertjährigen. Eine Spurensuche.

Sardinien. Die Insel, die vor allem durch das Wasser drum herum zu karibischem Ruhm kam, bietet nicht nur Urlaub zum ordentlich Abgammeln, sondern verbirgt auch ein spannendes Geheimnis: Die Insel bastelt alte Leute! Können wir uns da vielleicht etwas abgucken? Ich sag mal so, die eigene Grundsubstanz war auch schon mal besser und meine Vergänglichkeit wird mir, notgedrungen, immer mehr bewusst. Tripps und Tricks von außen gibt es viele: Da soll man nur noch kaltgepressten Saft trinken und fünf Mal pro Woche Pilates machen, Wasser filtern und Bienen streicheln… Aber hilft das wirklich? Wie wird man richtig alt und ist auch noch happy dabei? Aber bevor ich mir Blutegel an sämtliche Lymphknoten knöpfe und nur noch rohes Gemüse esse, möchte ich gucken, ob es vielleicht andere Möglichkeiten gibt.

Blue Zones – Lass mal alt werden!

Sardinien gehört zu den sogenannten Blue Zones. In diesen Gebieten werden die Menschen ganz besonders alt. Vor allem das Inselinnere verspricht ein langes Leben und weist extrem viele Hundertjährige (Männer) auf. Neben Sardinien gibt es weitere dieser Hotspots auf der Welt, in denen Menschen die 100 gerne überschreiten und dabei lange fit und glücklich sind. Okinawa in Japan, Nicoya in Costa Rica oder die griechische Insel Ikaria versprechen ein langes, knorkeliges Leben. Besonders auffällig: Es sind eben wirklich ausschließlich Inseln oder abgelegene Regionen, die Altersrekorde brechen. Wissenschaftler*innen haben sich auf den Weg gemacht und speziell die Ernährungsgewohnheiten dieser Regionen unter die Lupe genommen. Irgendwo muss der Schlüssel ja verborgen liegen und irgendwie muss man das ja auf den Rest der Menschheit übertragen können. 

Das Landesinnere von Sardinien

Lucie und ich haben uns auf den Weg gemacht, um selbst zu ermitteln, warum gerade in the Center of Sardinia der Schlüssel für ein Langes Leben liegt. Gefunden haben wir das 1.300 Seelen Dorf Gergei im Herzen Sardiniens, weit weg vom Tourismus, dem Strand und lebensverkürzendem Trubel. In dem von der UNESCO ausgezeichnetem alten Steinhaus des Boutique Hotels Domu Antiga, welches originalgetreu renoviert und in seinem Urzustand von 1700 in einer kleinen Gasse liegt, lässt sich selbst erleben, dass hier sogar Steinhäuser übertrieben alt werden, weil das Leben entscheidend anders läuft: Ruhig. Entschleunigt. Und: Radikal regional. Slow-everything. Die Familie wohnt in der Region seit Generationen, und der Sohn der Familie, Samuel, spielt gerne Quetschkommode, hat das Haus nach einem Studium im Ausland erstanden und renoviert, nachdem seine Sehnsucht nach der Heimat zu groß wurde. Seine komplette Familie hat sich ihm angeschlossen, auch die Schwester, die schon in Australien lebt. Gemeinsam betreiben sie dieses wunderschöne komplett nachhaltige Hotel.

Beim Rundgang durch das Dorf fällt auf, dass es jetzt wirklich sehr sehr ruhig ist. Es gibt Pferde, Esel, Schafe und einige Haustiere. Der Alltag ist beständig und gleichbleibend. Traditionelle Feste, Eselrennen und Hochzeiten bringen Abwechslung und unterstützen ab und an die nötige Durchmischung des Genpools. 

Die perfekte Ernährung für ein langes Leben

In vielen Artikeln habe ich gelesen, dass vor Allem die „Mittelmeerdiät“ verantwortlich für Gesundheit und uralte Menschen ist, also viel Fisch und andere Meeresfrüchte. Das Meer ist hier weit weg. Wir waren über eine Stunde mit dem Auto unterwegs. Dementsprechend sieht auch der Speiseplan der Region aus: Pasta, Fleisch und Käse mit Gemüse und Eier sind hier Grundnahrungsmittel.

In einem Kochkurs haben wir zusammen mit der Schwester Giulia und der Mama Maria Grazia die Ernährung der Gegend genauer unter die Lupe nehmen können (HIER gibt es den Kochkurs als Stories auf Instagram). Alles, wirklich alles, kommt ausschließlich aus der Region. Die Milch für den Käse kommt vom Hof nebenan, der Hartweizen für die Pasta wird in der Steinmühle im Nachbarort gemahlen und das Gemüse wird im eigenem Garten angebaut. Auf die Frage, warum denn hier alle so alt würden, meinte Giulia, dass es sicherlich auch an der Isolation liegt. Es gibt wenig Einfüsse von außen und die Produkte, die verwendet werden, sind meist ursprünglich und von der Industrialisierung verschont geblieben. Hier wurde nichts auf Ertrag hin optimiert, sondern robuste und leckere Kulturen haben sich durchgesetzt und sind ideal an die Umgebung angepasst. Genau wie die Menschen. Der Familienzusammenhalt ist in der Region besonders groß und wir haben großes Glück, dass unsere Gastgeber uns so freundlich aufgenommen haben und wir einen so detaillierten Einblick in das Leben gewinnen konnten. Sonst ist es für Außenstehende gar nicht so einfach, an diese Familien heranzukommen. Das Leben findet in den Höfen statt, abgeschlossen von außen. Also, Ernährung, Familie, wenig Stress und einen Schluck Schulmedizin dazu und ZACK: Langes Leben.

Das Frühstücksbuffet im Hotel mit Produkten aus der Region.

Lass mal langsam machen

Leider waren wir nur eine Nacht und nicht einmal 24 Stunden in dem Ort. Zu gerne hätte ich eine ausgedehnte Feldforschung unternommen, alte Leute über das Leben früher befragt und noch mehr von dem leckeren Essen gegessen.

Fakt ist, dass Stress und ungesunde Ernährung die Lebenserwartung nach unten schrauben. Industrienahrung ist vielleicht billig und schnell verfügbar, dafür bringt sie uns auch schneller ins Grab. Natürlich ist es schwierig, in einer Großstadt wie Berlin ausschließlich regional und bio zu futtern, auf Esel zur Arbeit zur reiten und einmal in der Woche ein Lamm zu schlachten. Aber ein wenig Slow-Food und Slow-Life als lebensverlängernde Maßnahme sollte ja wohl zu machen sein.

Von außen sind die Häuser und Höfe nur schwer einsehbar. Große Tore und hohe Mauern wirken erst nicht besonders einladend.

Innen ein ganz anderes Bild. Alte Gemäuer, ein grüner Innenhof und viel Gemeinschaftsfläche bietet Raum für den familiären Austausch.

Das Hotel Domu antiga wurde von der Familie originalgetreu renoviert.

Die Ganze Familie hat mit uns gekocht.

Auch der Käse wurde von der Familie selbst hergestellt. Mit Hilfe von Essig.

Beste und netteste Köchin der Welt: Giulia.

Ein Grundteig, viele verschiedene Formen und Füllungen. Alle Zutaten kommen aus der unmittelbaren Region.

Mit Käse gefüllte Ravioli

Einer kleiner Teil unseres anstehenden Dinners.

Die typisch sardischen Gnocchi werden auf einem Brett oder Korb gerollt. Mit der Hand... einzeln.

Kartoffelteig als Füllung für die Hochzeitsnudeln (die aus dem Titelbild).

Gegessen wird im Hof. Für die musikalische Begleitung sorgte Samuel auf seiner Ziehharmonika.

Als erstes wurde unsere selbst hergestellte Pasta in diversen Variationen serviert.

Zweiter Gang. Das Lamm stammt natürlich vom Nachbarn, das Gemüse aus dem Garten.

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Wir haben unsere Reise über Good Travel gebucht. Das alternative Buchungsportal bietet nachhaltige Unterkünfte für ein bewusstes Reisen.

Foto Credits: Maria Giesecke
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Dieser Artikel wurde verfasst von Maria on Oktober 7, 2018